Wasserresilienz in der (petro-)chemischen Industrie und in Raffineriebetrieben

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Heleen Nieuwenhuis, Marketing Director bei Ecolab, ist seit über 30 Jahren in der Wasserbranche tätig. In ihren verschiedenen Positionen, von der F&E-Spezialistin für Kühlwasser über die Vermarktung von Wasserinnovationen bis hin zu einer führenden Marketingfunktion für Wasserwiederverwendungs- und Recyclinglösungen, hat sie die vielfältigen Veränderungen der Branche über viele Jahre hinweg aus erster Hand miterlebt. Im Folgenden erläutert sie ihre Sicht auf den Wandel der Rolle von Wasser in der chemischen, petrochemischen und Raffinerieindustrie. 

Einführung

Für die chemische Industrie und Raffineriebetriebe in Europa ist Wasser längst nicht mehr nur ein Versorgungs- oder Nachhaltigkeitsthema. Es steht zunehmend in direktem Zusammenhang mit der Sicherung von Geschäfts- und Produktionskontinuität, der Zuverlässigkeit von Kühl- und Dampfsystemen, der Einhaltung von Einleitgrenzwerten, den Betriebskosten sowie den Möglichkeiten für zukünftiges Wachstum. Die praktische Frage lautet daher nicht nur, wie sich weniger Wasser verbrauchen lässt, sondern wie das gesamte Wassersystem widerstandsfähiger gestaltet werden kann.

 

Warum Wasser aus betrieblicher Sicht wichtig ist

Wie hat sich die Verfügbarkeit von Wasser in den letzten fünf bis zehn Jahren verändert?
Die wichtigste Änderung ist die abnehmende Vorhersehbarkeit.. Viele Standorte verzeichnen heute deutlich stärkere Schwankungen bei der Wasserverfügbarkeit, der Qualität des Rohwassers und den Betriebseinschränkungen. Historische Durchschnittswerte eignen sich daher immer weniger als Grundlage für Betriebs- und Investitionsentscheidungen.

Haben Sie in Ihrer Funktion einen zunehmenden Druck durch Dürren, niedrige Flusspegel, extreme Wetterereignisse oder konkurrierende Wassernutzungen beobachtet?
Ja. Dieser Druck beschränkt sich nicht mehr auf die traditionellen wasserarmen Regionen Südeuropas. Trockenperioden dauern länger an und sind inzwischen gleichmäßiger über Europa verteilt. Während früher in trockenen Phasen häufig noch Wasser aus anderen Regionen über Flüsse und Seen verfügbar war, ist dies heute deutlich weniger verlässlich. Dürren, niedrige Flusspegel, Hitzeperioden, Überschwemmungen sowie konkurrierende Wasserbedarfe, etwa wenn die begrenzte Wasserverfügbarkeit zwischen Landwirtschaft und Industrie aufgeteilt werden muss, können sich jeweils auf die verfügbare Wassermenge, die Wasserqualität oder die Einleitbedingungen auswirken. Für Industriestandorte werden solche externen Ereignisse daher sehr schnell zu operativen Herausforderungen.

Welche wasserbezogenen Risiken bereiten dem Standortmanagement heute die größten Sorgen?
Geschäfts- und Produktionskontinuität stehen in der Regel im Mittelpunkt, da sich in ihnen die Auswirkungen vieler anderer Risiken bündeln. Ein Mangel an Rohwasser, eine verringerte Kühlleistung, eingeschränkte Kapazitäten der Abwasserbehandlung, strengere Einleitungsgenehmigungen oder steigende Kosten können jeweils die Produktionsleistung begrenzen. Führungskräfte benötigen daher zunehmend eine integrierte Gesamtsicht auf diese Risiken, anstatt sie isoliert voneinander zu betrachten.

 

Wenn Wasserrisiken zu technischen Einschränkungen werden

Welche technischen Einschränkungen bestehen typischerweise, bevor Verbesserungsmaßnahmen eingeleitet werden?
Die Einschränkungen sind häufig über den gesamten Standort verteilt. Eine begrenzte Verfügbarkeit von Kühlwasser erfordert eine strengere Kontrolle der Wasserchemie. Da die Verdunstung unverändert bleibt, steigt bei reduzierten Wasserströmen die Salzkonzentration im Kühlkreislauf. Dies erhöht das Risiko von Ablagerungen und Korrosion und kann durch verschmutzte Wärmetauscher zu einem höheren Energieverbrauch führen. Auch die Qualität des Kesselspeisewassers ist entscheidend für einen sicheren und energieeffizienten Betrieb. Um eine stabile Speisewasserqualität zu gewährleisten, sind häufig zusätzliche Maßnahmen in der Vorbehandlung erforderlich. Eine unzureichende Kapazität der Abwasserbehandlung kann dazu führen, dass Verunreinigungen gelegentlich in die Umwelt gelangen. Dies kann gegen Genehmigungsauflagen oder Grenzwerte für die thermische Einleitung verstoßen. Das System kann unter solchen Bedingungen zwar weiterhin betrieben werden, jedoch mit geringeren Sicherheitsreserven, mehr manuellem Eingreifen und einer höheren Anfälligkeit bei Störungen oder außergewöhnlichen Betriebszuständen.

Was geschieht im Betrieb, wenn weniger Wasser verfügbar ist?
Standorte reagieren unterschiedlich, abhängig davon, wie stark und wie lange die Wasserverfügbarkeit eingeschränkt ist und welche Maßnahmen die lokalen Behörden ergreifen. Zunächst kann der Betrieb weiterlaufen, wobei verstärkt auf die Optimierung der Wasserströme geachtet und die Überwachung kritischer Verbraucher intensiviert wird. Bei länger anhaltender Wasserknappheit, insbesondere in Verbindung mit hohen Außentemperaturen und entsprechend hoher Wasserverdunstung, können Produktionspläne angepasst oder die Auslastung reduziert werden, um den Kühl- und Heizbedarf zu senken. 
Gleichzeitig können eine geringere Wasserführung der Flüsse oder höhere Temperaturen strengere Einleitbedingungen nach sich ziehen, da weniger Wasser zur Verfügung steht, um die Temperatur oder die Konzentration eingeleiteter Stoffe zu verdünnen. Eine geringere Wasserführung der Flüsse ist häufig mit einer schlechteren Rohwasserqualität verbunden, wodurch zusätzliche Vorbehandlungsschritte bei der Nutzung von Frischwasser erforderlich werden und weitere Wasserverluste entstehen. So entsteht eine doppelte Einschränkung: Für die Produktion steht möglicherweise weniger Wasser von schlechterer Qualität zur Verfügung, während zugleich der zulässige Spielraum für die Einleitung von Abwasser kleiner wird.

Warum sind Kühl- und Dampfsysteme besonders wichtig?
Sie sind unmittelbar für einen zuverlässigen Produktionsbetrieb entscheidend. Eine unzureichende Wasseraufbereitung kann zu verstärkter Kesselsteinbildung, Korrosion, Ablagerungen und mikrobiologischen Risiken führen. Dies kann wiederum die Wärmeübertragung beeinträchtigen und die Kühlung von Prozessmedien ineffizienter machen. Mögliche Folgen sind eine schlechtere Produktqualität, eine geringere Reaktionseffizienz, erhöhte Sicherheitsrisiken im Produktionsbetrieb, ein höherer Energiebedarf, mehr Wartungsaufwand und ein größeres Ausfallrisiko.

Warum kann die Kapazität der Abwasserbehandlung zum Engpass in der Produktion werden?
Die Abwasseraufbereitung wird oft als letzter Schritt betrachtet. Ihre Kapazität und Betriebssicherheit können jedoch entscheidend dafür sein, wie viel ein Standort produzieren kann. Abwasseraufbereitungssysteme werden in der Regel auf die durchschnittliche Produktionsmenge ausgelegt und müssen auch vorübergehende Spitzenbelastungen bewältigen können. Überschreitet die hydraulische Belastung die Auslegungsparameter oder ist die Abwasserqualität schlechter als vorgesehen, kann das gesamte Abwasseraufbereitungssystem die schwankenden Durchflussmengen und Schadstoffspitzen, die beispielsweise bei der Reinigung von Chargenreaktoren entstehen, möglicherweise nicht mehr effizient bewältigen. Ein unzureichender Behandlungsspielraum kann daher die Einleitung im Rahmen der Genehmigungsauflagen begrenzen, wodurch Produktionsmengen eingeschränkt werden und die Wasserwiederverwendung weniger zuverlässig wird.

 

Wie die Leistung gesteuert und berichtet wird

Welche KPIs werden üblicherweise erfasst?

In ganz Europa sind Raffinerien, petrochemische Anlagen und Chemieproduktionsstandorte im Rahmen ihrer Genehmigungen nach der Industrieemissionsrichtlinie (IED) verpflichtet, regelmäßig die entnommenen Wassermengen, die Abwassereinleitungsmengen und verschiedene Wasserparameter im Abwasser zu überwachen und zu melden. Die zuständigen Meldebehörden unterscheiden sich je nach Land und teilweise sogar zwischen kleineren geografischen Gebieten innerhalb eines Landes. Die überwachten Parameter sind jedoch durch die Schlussfolgerungen zu den besten verfügbaren Techniken (BVT) und die nationalen Genehmigungsauflagen weitgehend harmonisiert. Wichtige Betriebsparameter wie Durchfluss und pH-Wert werden in der Regel kontinuierlich überwacht. Laboranalysen zu CSB, Nährstoffen, Kohlenwasserstoffen und Metallen werden dagegen meist monatlich oder vierteljährlich gemeldet. In den meisten Ländern ist zudem eine jährliche Berichterstattung zur Einhaltung der Umweltauflagen vorgeschrieben. 

Die regulatorischen Anforderungen gehen zunehmend über die Einhaltung der Einleitungsauflagen hinaus und umfassen auch Wasserentnahme, Wasserverbrauch sowie Recycling- und Wiederverwendungsquoten. Dies spiegelt die stärkere Betonung von Wassereffizienz, Kreislaufwirtschaft und Ressourcenmanagement im Rahmen der überarbeiteten IED und der Verordnung über das Industrieemissionsportal wider.

Viele Industrieunternehmen setzen die Süßwasserentnahme und den Wasserverbrauch ins Verhältnis zur Produktionsmenge. Zu den typischen KPIs zählt die Wasserintensität je Produktionseinheit, beispielsweise in m3 pro produziertem Barrel Öl. Innerhalb der Anlagen erfassen Unternehmen üblicherweise die Effizienz und Leistung von Kühlkreisläufen, die Kessel- und Kondensatrückgewinnung, Durchfluss und Qualität des Abwassers, die Einhaltung von Genehmigungsauflagen, das Volumen des wiederverwendeten Wassers, den Chemikalien- und Energieverbrauch sowie die Zuverlässigkeit der Anlagen und Ausrüstung. Welche Kennzahlen im Einzelnen erfasst werden, sollte sich nach den betrieblichen Risiken und den Unternehmenszielen des jeweiligen Standorts richten.

Wie werden Entscheidungen rund um Wasser getroffen?

Einige Unternehmen orientieren sich ausschließlich an den Nachhaltigkeitszielen, die sie ihren Aktionären und anderen Stakeholdern kommuniziert haben. Die Mehrheit der (petro)chemischen Unternehmen und Raffinerien genehmigt Investitionen in die Wasserversorgung und -aufbereitung jedoch nur dann, wenn sich eine klare Kapitalrendite und eine angemessene Amortisationszeit abzeichnen oder wenn Wasser zu einem messbaren betrieblichen Engpass wird, der sich auf die Produktion, Genehmigungen, Erweiterungen oder Kosten auswirkt. Investitionen werden also nicht allein deshalb genehmigt, weil sie die Nachhaltigkeit verbessern.

Aktuelle Beispiele für Investitionen in Wasser bei (petro)chemischen Unternehmen und Raffinerien zeigen, dass konkrete betriebliche oder finanzielle Auslöser dahinterstehen, beispielsweise:

  • ein prognostizierter starker Anstieg der Kosten für den Wasserbezug;
  • eine unzureichende Wasserverfügbarkeit für das Produktionswachstum;
  • Einschränkungen der genehmigten Wasserentnahme; 
  • Auflagen für die Abwassereinleitung;
  • begrenzte Kapazitäten bei Kühlung, Dampferzeugung oder Abwasserbehandlung;
  • die Umrüstung einer Raffinerie oder ein großes Investitionsprojekt in den Bereichen Wasserstoff, nachhaltiger Flugkraftstoff (SAF), Biokraftstoffe oder andere Technologien;
  • eine Verschlechterung der Qualität des Speisewassers oder des Abwassers.

Wie wird die Wasserleistung intern berichtet?

Organisationen mit ausgereiften Strukturen kombinieren operative Dashboards mit Managementberichten. Das Betriebspersonal benötigt zeitnahe Informationen und Alarmmeldungen. Die Standortleitung braucht Informationen zu Trends, Abweichungen, Risiken und Maßnahmen. Die Unternehmensbereiche benötigen einen einheitlichen Überblick über die Fortschritte bei der Erreichung der Ziele in den Bereichen Wasser, Resilienz und Nachhaltigkeit.

Ist Wasser ein Nachhaltigkeits- oder ein betriebliches Thema – oder beides?

In den vergangenen Jahren beobachten wir einen Wandel. Bis vor etwa zehn Jahren galt Wasser vor allem als eine reichlich verfügbare Ressource, die für die Produktion benötigt wird. Investitionen in Wasser dienten hauptsächlich der Verbesserung der betrieblichen Leistung. 

Das wachsende Bewusstsein für nachhaltige Wassernutzung, die Reduzierung fossiler Kohlenstoffemissionen und den Klimawandel hat zu verstärkten Bemühungen zur Verbesserung der Wassereffizienz geführt. Dies liegt auch daran, dass sich dadurch die Gesamtbetriebskosten positiv beeinflussen lassen. Dabei spielt die Wechselwirkung zwischen Wasser und Energie eine wichtige Rolle: Für die Förderung von Wasser, die Verbesserung seiner Qualität sowie für Heiz- und Kühlprozesse wird Energie benötigt. Werden geringere Wassermengen gefördert oder aufbereitet, sinkt somit auch der Energiebedarf und damit die Betriebskosten.

In den letzten Jahren wird Wasser von der Industrie zunehmend als strategische Ressource betrachtet. Wassermangel kann die Betriebskontinuität gefährden, während eine schlechte Wasserqualität die Produktionsleistung beeinträchtigen und die Kosten erhöhen kann. Eine nachhaltige Wassernutzung ist gut für die Umwelt. Entscheidend für dauerhafte Fortschritte ist jedoch, dass sie auch betrieblich relevant ist. Wassereinsparung und Wiederverwendung unterstützen Nachhaltigkeitsziele, während eine zuverlässige Kühlung, Dampferzeugung, Prozesswasserversorgung und Abwasseraufbereitung Produktion, Qualität, Compliance und Kosten absichern. Der wirtschaftliche Nutzen ist am größten, wenn beide Aspekte berücksichtigt werden.

 

Vorbereitung auf eine zunehmend unberechenbare Wasserversorgung

Bewertet der Standort Wasserverfügbarkeitsrisiken systematisch?

Die meisten Unternehmen haben einen guten Überblick über die betrieblichen Risiken im Zusammenhang mit Wasser. Wasserbezogene Risiken beschränken sich jedoch nicht auf den Betrieb eines Chemiewerks oder einer Raffinerie. Sie können auch durch andere Unternehmen im selben Einzugs- oder Flussgebiet sowie durch externe Klimafaktoren wie extreme Niederschläge oder Dürre entstehen. Führende Standorte bewerten sowohl die Risiken im Wassereinzugsgebiet als auch die betrieblichen Risiken. Die Betrachtung des gesamten Wassereinzugsgebiets zeigt den externen Druck auf, während die Wasserbilanz des Standorts kritische Verbraucher, Verluste, Engpässe und mögliche alternative Wasserquellen oder Wiederverwendungsmöglichkeiten identifiziert.

Werden Dürrenszenarien in die Kontinuitätsplanung einbezogen?

Das sollten sie. Ein wirksamer Dürreplan legt Auslöseschwellen, Entscheidungsbefugnisse und konkrete Maßnahmen für unterschiedliche Stufen von Wasserbeschränkungen fest. Dabei sollte er zwischen Maßnahmen unterscheiden, die sofort umgesetzt werden können, und solchen, die eine technische Planung oder größere Investitionen erfordern und daher weit im Voraus vorbereitet werden müssen. Allerdings mussten im vergangenen Sommer noch immer viele Unternehmen feststellen, dass sie von den Auswirkungen lang anhaltender Dürren und niedriger Wasserstände in örtlichen Flüssen und Seen überrascht wurden. 

Ist Klimaresilienz inzwischen ein fester Bestandteil der Investitionsplanung?

Zunehmend ja. Immer mehr Unternehmen wenden sich an uns, um geeignete Investitionsszenarien zu bewerten, mit denen sie ihren Wasserkreislauf widerstandsfähiger  gegenüber künftig sinkender Wasserverfügbarkeit, Schwankungen der Rohwasserqualität, Einleitungsbeschränkungen und Extremwetterereignissen gestalten können. Dadurch verschiebt sich die Bewertung von Investitionen: Statt allein auf die Amortisationszeit zu schauen, rücken auch die Vermeidung von Risiken, die Sicherung der Produktion und der Erhalt von Wachstumskapazitäten in den Fokus.

Welche Annahmen werden zur künftigen Wasserverfügbarkeit getroffen?

Die sicherste Annahme ist, dass Wasserverfügbarkeit und -qualität stärkeren Schwankungen unterliegen werden und die Genehmigungsauflagen restriktiver ausfallen, während die europäischen Vorschriften, die diese Auflagen bestimmen, weiter verschärft werden. Die Planung sollte daher verschiedene Szenarien statt eines einzigen historischen Durchschnittswerts zugrunde legen und aufzeigen, wo die betrieblichen Spielräume des Standorts begrenzt sind.

Haben Unternehmen ihre Vorgehensweise aufgrund der jüngsten Dürren in Europa angepasst?

Die  europäische (petro)chemische Industrie und die Raffineriebranche stehen im globalen Wettbewerb unter erheblichem Druck. Zwar besteht allgemein Einigkeit darüber, dass Investitionen in die Wasserversorgung und -aufbereitung notwendig sind, um die Betriebskontinuität zu sichern. Gleichzeitig müssen jedoch die Gesamtbetriebskosten berücksichtigt werden, um auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben. Daher zeichnet sich ein Wandel ab: weg von reaktiven Maßnahmen, hin zu einer strukturierten Resilienzplanung. Unternehmen widmen Wasserbilanzen, Möglichkeiten zur Wiederverwendung, konkreten Dürreplänen und Investitionsfahrplänen mehr Aufmerksamkeit. Die Herausforderung besteht darin, aus dem gestiegenen Bewusstsein finanzierte und umsetzbare Projekte zu machen und deren nachhaltige Finanzierung sicherzustellen.

Wie werden zukünftige Wasserknappheiten in die Betriebsplanung einbezogen?

Zunächst gilt es, die kritischen Wasserverbraucher sowie die Mindestmenge und -qualität an Wasser zu ermitteln, die für einen sicheren Produktionsbetrieb erforderlich sind. Anschließend müssen Auslöseschwellen, betriebliche Reaktionen, alternative Wasserquellen, Speicher- und Wiederverwendungsmöglichkeiten sowie die Investitionen festgelegt werden, die vor dem Inkrafttreten von Wasserbeschränkungen notwendig sind.

 

Wie praktische Verbesserungen aussehen können

Wurden Kühlsysteme angepasst oder optimiert?

In der (petro)chemischen Industrie und in Raffinerien zählt die Prozesskühlung zu den Bereichen mit dem höchsten Wasserverbrauch. Die Optimierung der Kühlung ist daher häufig einer der wirkungsvollsten Ansatzpunkte. Eine verbesserte Automatisierung ermöglicht eine präzisere Steuerung der Chemie, der Zyklen, der Wärmeübertragung und des Abschlämmens sowie eine bessere Kontrolle von Ablagerungen und mikrobiologischen Risiken. So lässt sich der Frischwasserbedarf senken und gleichzeitig die Zuverlässigkeit der Anlagen und die Energieeffizienz sichern.

Wurden Initiativen zur Wasserwiederverwendung oder zum Wasserrecycling eingeführt?

Ja, es gibt mehrere Beispiele für Unternehmen, die ihr Abwasser sicher und zuverlässig aufbereiten und das Wasser wiederverwenden. Allerdings kommt es auf die richtige Reihenfolge der Maßnahmen an, um überdimensionierte, kostspielige und schwer zu betreibende Recyclinglösungen am Ende des Prozesses zu vermeiden. Zunächst sollte der vermeidbare Wasserbedarf gesenkt und die Stabilität der Prozesse verbessert werden, bei denen Abwasser entsteht. Wo möglich, sollten Abwasserströme getrennt erfasst werden. Anschließend gilt es, durch verbesserte digitale Lösungen und betriebliche Abläufe eine stabile und zuverlässige Ablaufqualität der Abwasseraufbereitungsanlage sicherzustellen. Erst dann sollte die Wasserqualität auf den vorgesehenen Wiederverwendungszweck abgestimmt werden. 
Da jeder Produktionsstandort unterschiedliche Anlagenlayouts, Prozesseinrichtungen und allgemeine Betriebsabläufe aufweist, wird empfohlen, vor der Auslegung der endgültigen Lösung einen Pilotversuch vor Ort durchzuführen, um die 24/7-Dynamik von Wassermenge und Wasserqualität besser zu verstehen. 

Die Auslegung des Recyclingsystems ist zwar wichtig, doch der zuverlässige Betrieb der Abwasseraufbereitungs- und Recyclinganlage ist noch entscheidender.  Bereits eine geringfügige Verschlechterung der Ablaufqualität kann die Kapitalinvestition und die Betriebskosten des Wasserrecyclingsystems gefährden.  

Wurde die Überwachung an den Standorten weiterentwickelt?

Das ist notwendig. Daten zu Durchfluss, Wasserqualität und Anlagenleistung ermöglichen es, Verluste, Verunreinigungen oder eine nachlassende Behandlungsleistung frühzeitig zu erkennen. Der größte Nutzen digitaler Überwachung liegt darin, dass sie klare betriebliche Entscheidungen unterstützt, statt lediglich immer mehr Daten zu erzeugen. Bei Recyclinganlagen ist eine ausgefeilte Überwachung besonders wichtig, da die Leistungskennzahlen und die Wirtschaftlichkeit maßgeblich davon abhängen, dass die Filteranlagen rechtzeitig und bedarfsgerecht gereinigt werden.

Ermöglichen Aufbereitungstechnologien eine stärkere Wasserwiederverwendung?

Insbesondere die Fortschritte bei der Membranfiltration haben die Wasserwiederverwendung vorangebracht. Allerdings gibt es keine Universallösung, die sich einfach installieren lässt und unter allen Bedingungen zuverlässig funktioniert. Die Technologieauswahl sollte auf einer fundierten Wasserbilanz, einer Charakterisierung der Wasserströme, einem Verständnis der Produktionsdynamik und der Schwankungen der Wasserqualität, Untersuchungen zur Behandelbarkeit sowie klar definierten Anforderungen an die Wiederverwendungsqualität basieren.

Welche Veränderungen haben die größten operativen Vorteile gebracht?

Die größten Vorteile ergeben sich in der Regel aus der Kombination von betrieblicher Disziplin, Chemie, der richtigen Wassertechnologie, Überwachung sowie gezielten technischen Maßnahmen. Eine einzelne Technologie löst selten ein standortweites Wasserproblem. Die besten Ergebnisse werden erzielt, wenn der gesamte Wasserkreislauf optimiert und jede Maßnahme gezielt mit den Zielen Sicherheit, Anlagenzuverlässigkeit, Compliance, Kostenkontrolle und Wasserverbrauchsreduzierung verknüpft wird.

 

Praktische Empfehlungen für Führungskräfte in der Industrie

Welchen Rat würden Sie Industriebetrieben geben, die mit zunehmenden Wasserbeschränkungen konfrontiert sind?

Warten Sie nicht, bis es zu Dürrebeschränkungen oder Problemen mit Genehmigungen kommt. Erstellen Sie eine Wasserbilanz, identifizieren Sie kritische Systeme und quantifizieren Sie die betrieblichen Folgen eines Ausfalls. Optimieren Sie anschließend die Dampf- und Kühlkreisläufe sowohl hinsichtlich des Wasserverbrauchs als auch ihrer Leistung. Entwickeln Sie dann einen stufenweisen Maßnahmenplan, der mit Verbesserungen ohne oder mit geringem Investitionsaufwand beginnt und größere Investitionen frühzeitig vorbereitet.

Was sind die größten Missverständnisse in Bezug auf Wassermanagement?

Ein weit verbreiteter Irrglaube besteht darin, dass Wasser kostengünstig ist und sich Investitionen deshalb finanziell nur schwer rechtfertigen lassen. Die tatsächlichen Wasserkosten gehen über den Preis des bezogenen Wassers hinaus. Dazu zählen auch die Behandlung, die Energie für das Pumpen, Heizen und Kühlen, die Abwassereinleitung und Schlammentsorgung, die Wartung sowie die Produktionsrisiken.

Ein weiteres Missverständnis ist, dass die Installation einer Recyclinganlage automatisch für mehr Resilienz sorgt. Ohne vorgelagerte Prozesskontrolle und die nötigen betrieblichen Fähigkeiten wird das Problem möglicherweise nur verlagert oder es entstehen neue Probleme.

Wo sollten Unternehmen ansetzen, wenn sie ihre Wasserresilienz verbessern wollen?

Beginnen Sie mit einer fundierten Bestandsaufnahme: einer Analyse der Risiken im Wassereinzugsgebiet, einer abgestimmten Wasserbilanz des Standorts sowie einer Überprüfung kritischer Anlagen, Genehmigungen und absehbarer Änderungen der regulatorischen Vorgaben und der einschlägigen BVT-Merkblätter. So entsteht eine gemeinsame Ausgangsbasis, die zeigt, wo sich durch Einsparungen, direkte Wiederverwendung, Verbesserungen der Aufbereitung oder alternative Wasserquellen der größte Nutzen erzielen lässt. Setzen Sie die Risiken in Bezug zu den finanziellen und betrieblichen Auswirkungen und erstellen Sie einen Investitionsplan.

Welche Investitionen erzielen die größte Wirkung?

Die sinnvollsten Investitionen hängen vom jeweiligen Standort ab. Mess- und Überwachungssysteme, die Optimierung von Kühl- und Kesselsystemen, die Kondensatrückgewinnung, die Trennung von Wasserströmen und die gezielte Wiederverwendung von Wasser bieten jedoch häufig einen großen Nutzen. Größere Investitionen in die Aufbereitung sollten erst folgen, wenn Wasserquelle, Verwendungszweck, erforderliche Wasserqualität und Betriebsmodell klar definiert sind.

Was sollten Führungskräfte in der Industrie jetzt tun, um sich auf künftige Wasserknappheit vorzubereiten?

Betrachten Sie Wasser als strategisches Betriebsrisiko. Legen Sie klare Verantwortlichkeiten fest, berücksichtigen Sie Dürre- und Einleitungsszenarien in der Kontinuitätsplanung, sichern Sie kritische Kühl- und Dampfsysteme, entwickeln Sie einen priorisierten Investitionsplan und verfolgen Sie die Ergebnisse anhand betrieblicher KPIs. Ziel ist es, nicht mehr nur auf Beschränkungen zu reagieren, sondern die Resilienz vorausschauend zu steuern.

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